Film

In unserer von elektronischen Medien und digitaler Kommunikation geprägten Gesellschaft ist es bereits heute möglich geworden sein Leben zu leben, ohne auf soziale Interaktion im Sinne einer direkten Kommunikation angewiesen zu sein. Eine Ein-Mann-Firma zu betreiben ist ebenso mit wenig Aufwand zu verwirklichen wie „virtuelle“ Kontakte über das Internet zu knüpfen oder Einkäufe zu tätigen ohne dafür ein reales, menschliches Gegenüber zu haben. Für die Karriere kann es förderlich sein, ja sogar eine Notwendigkeit darstellen nicht an Familie, Kinder und einen persönlichen Freundeskreis gebunden zu sein. Dies sind nur einige Beispiele gesellschaftlicher Tatsachen, deren Entwicklung und Verschärfung rasant voranschreitet.

In den folgenden Jahren setzt eine Form psycho-sozialer Evolution ein, die das Bedürfnis nach sozialer Interaktion bis zum Jahr 2070 nahezu auslöscht. Von Generation zu Generation verkümmert das Gefühlsvermögen zunehmend. Die Welt wird schließlich beherrscht von automatisierten Prozessen, die es mithilfe künstlicher Intelligenz ermöglichen den Alltag mit marginalem menschlichen Kontakt zu gestalten und zu bewältigen.

In dieser Welt lebt der Protagonist des Films. Er ist ein typisches Produkt seiner Zeit: Einzelgänger, dessen alleiniger Lebensinhalt darin besteht sein berufliches Fortkommen zu fördern, seinen finanziellen Wohlstand und die vielgepriesene persönliche Unabhängigkeit zu genießen, die ihm die Illusion eines scheinbar erfüllten Lebens vorgaukeln.

Eines Tages erfüllt ihn jedoch ohne Vorwarnung eine wachsende innere Unruhe. Anfangs noch nahezu unbemerkt treibt sie ihn zunehmend um und er beginnt langsam, aber sicher, seine eigene bis dahin ausgeblendete Gefühlswelt bewusst wahrzunehmen. Zum ersten Mal ist er im Stande in sich hineinzuhorchen und stößt dabei das Tor zu einer ihm unbekannten Dimension auf.

Verwirrt sieht er sich in den folgenden Wochen und Monaten heftigen Gefühlsschwankungen ausgesetzt, überschwängliche Euphorie wechselt sich ab mit tiefer Niedergeschlagenheit. Nur allmählich ist er in der Lage diese Gefühle zu deuten und ihnen eine greifbare Bedeutung beizumessen. Wie aus einer langen Trance erwachend betrachtet er die Welt um sich herum in einem neuen Licht und bald regt sich in ihm der unbestimmte Verdacht, dass irgendwann etwas Bedeutendes furchtbar schief gelaufen sein muss.

Er setzt sich zunehmend kritisch mit den Konsequenzen seines Lebensstils auseinander, der so typisch ist für seine Gesellschaft, und obwohl er noch nicht im Stande ist es zu artikulieren, beginnt er Menschlichkeit zu vermissen. Hilflos und überfordert kommt er zu der Erkenntnis, dass diese Gesellschaft, seine Gesellschaft, etwas Fundamentales menschlicher Existenz ausgelöscht hat: Das Grundbedürfnis nach Zuwendung und emotionaler Wärme.

Auf der Suche nach einem Zeichen, das ihm das Gegenteil beweist, begibt er sich gezielt in Alltagssituationen, an die er früher keinen Gedanken verschwendet hätte, und dokumentiert sie mit einer kleinen Videokamera. Allmählich schärft sich sein Verständnis für das wahre Ausmaß des Mangels und erfüllt ihn mit Schrecken. Nach mehreren erfolglosen Versuchen Menschen, die ihm in diesen Alltagssituationen begegnen, die Augen zu öffnen, begibt er sich in eine belebte U-Bahn-Station und lässt sich auf einer Bank nieder. Dort will er solange ausharren, ohne Nahrung oder Flüssigkeit zu sich zu nehmen, bis ihn einer der Passanten anspricht. Nur verschwommen kann er sich an Erzählungen aus seiner Kindheit erinnern, in denen in seinen Ohren seltsam klingende Begriffe wie „Hilfsbereitschaft“ oder „Anteilnahme“ vorkamen. In seinem ganzen Leben hat er nicht einmal den Satz „Können Sie mir bitte helfen?“ vernommen oder gar selbst ausgesprochen. Und auch jetzt fühlt er sich nicht in der Lage dazu. Dennoch gibt ihm die Hoffnung Halt, dass ihn einer der Umstehenden zur Kenntnis nimmt, ihm mehr als nur einen flüchtigen Blick schenken wird.

Bereits eine scheinbar belanglose oder auch ablehnende Geste würde ihm genügen, neuen Mut zu schöpfen. Vielleicht würde er dadurch einem weiteren Menschen begegnen, der die gleichen Fragen hat, vielleicht könnten sie sich gegenseitig helfen das Gefühlschaos zu beherrschen.

Obwohl er tief im Inneren die Hoffnungslosigkeit seines Unterfangens erkennt, folgt er dem inneren Drang auf Gleichgesinnte zu treffen, Antworten zu finden auf die Fragen, die ihn quälen. So vergehen die Tage. Mit jeder verstreichenden Sekunde schwindet seine Hoffnung und schlägt schließlich in stille Verzweiflung um. Er könnte sein Vorhaben jederzeit beenden. Theoretisch. Doch was bliebe ihm dann außer seiner nun leeren Existenz?

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Mitwirkende im Film

Darsteller
Jaques Malan, Meridian Winterberg

Statisten
Giesela Diehl, Karl-Heinz Durlo, Inge Durlo, Erich Heller, Christa Heller, Dr. Ulrike Hohmann, Carsten Hohmann, Dieter Hoppe, Harry Köhler, Heinz Lollert,  Felicitas Piekarek, Egbert Piekarek,  Rainer Negrelli
Nationaltheater Mannheim
Ingo Brux (Stellv. Schauspieldirektor), Stefanie Gottfried (Dramaturgie), Martina Seitz (Statisterie)

Maske
Waniea Mohedien

RNV
Franz-Wilhelm Coppius, Frank Feuchtgruber (Unternehmenskommunikation), Michael Reich (Centerleiter Fahrbetrieb)

Wir bedanken uns recht herzlich für Eure Unterstützung und Euren Einsatz.